THOMAS  BERNHARD  ZUM  80. (Arte 2011) (06.2015)

Zum 80. Geburtstag von Thomas Bernhard hatte Arte eine Videodokumentation unter dem Titel „Die Kunstnaturkatastrophe“ ausgestrahlt, welche mir kürzlich erstmals begegnet ist. Es ist eine gelungene Würdigung des Schriftstellers, wenngleich das dort geführte Interview mit Daniel Kehlmann in mir einige Gedanken haben keimem lassen.
       Bernhards Prosa ist nämlich nicht "beschrä..." oder gar "limitiert", wie Herr Kehlmann aus einem Würgereiz heraus behauptet. Bernhards kreisende Motive und seine Satzkonstruktionen erzeugen eine musikalische Monotonie, die den Leser verändert. Als Beispiel sei die Beschreibung der Mutter in dem Buch "Korrektur" genannt (ab Seite 220; Suhrkamp, Taschenbuch), wo es seitenweise nur noch um das Kränkeln und Ankränkeln in dem Ort Altensam geht. Weil Thomas Bernhard nicht mehr aufhört, in dieses Kränkelnde einzudringen, kommt irgendwann der Punkt, an dem der Leser in schallendes Gelächter ausbricht oder zusammenklappt. Die in fast allen seinen Dramen vorkommende Fragestellung "Ist es eine Komödie oder Tragödie?" hat in dieser Übertreibungskunst ihren Ursprung. Das ist die Kunst von Thomas Bernhard. Seine Bandwurmsätze sind in Wahrheit abgehackt. Es ist seine eigene Krankheit, seine Lungenkrankheit, die in dieser Sprache zum Ausdruck kommt. Man kann das in jeder Tonaufnahme des Dichters hören. Exemplarisch dafür ist seine Autorenlesung von "die Mütze". In seinen Dramen tritt dieses Abgehackte noch deutlicher zu Tage und in dem Bühnenstück "Die Macht der Gewohnheit" bezieht er sich sogar darauf, indem er den Direktor sagen lässt: "Ihre Sprache ist eine abgehackte. Das deutet darauf hin, dass sie die Atmung nicht beherrschen." Noch deutlicher wird Bernhard in seiner autobiografischen "Kälte – eine Isolation", wo er ganz klar seine jahrzehntelangen Atmungsschwierigkeiten benennt.
       Es ist nicht das Gesunde, was die Kunst und insbesondere die Literatur prägt. Es ist das Kranke, es ist das Unvermögen und das Leid an innerlichen und äußerlichen Zuständen, wodurch die Literatur zu einer Notwendigkeit wird. Gesunde Menschen schreiben keine Literatur. Menschen, die sich keine Krankheitszustände zu eigen machen, taugen nicht zum Schriftsteller. So ist das. Und das ist die einzige Umstand, durch den sich Thomas Bernhard in einen Bezug zu Imre Kertész bringen lässt, den Herr Kehlmann seiner Einschätzung nach für den bedeutenderen Schriftsteller hält. Ob Imre Kertész nun als Schriftsteller wichtiger wäre als Thomas Bernhard, ist überhaupt nicht vergleichbar. Kertész vertritt in seiner Prosa eine gänzlich andere Haltung. Es ist die Haltung des Absurden, die Kertész auszeichnet. Damit ist er viel näher an Camus und nicht mal in der Nähe von Bernhard. – Der Einzige, der es geschafft hat sich dem Stil Thomas Bernhards in würdiger Weise anzunähern, ist Hanns Dieter Hüsch mit seinen Hagenbuchgeschichten. Hüsch bezieht sich ganz explizit auf die Stilistik aber auch auf die Motive, die Thomas Bernhard in seiner Prosa verwendet, nur bringt Hüsch das Ganze in seiner eigenen Form zur Perfektion. Das, was Hüsch dort getan hat, ist die einzige würdige Verbeugung vor dem prosaischen Schaffen Thomas Bernhards.
       Zudem sind Bernhards Kunstprosatexte unter Tausenden sofort zu erkennen. Man kann einen Thomas-Bernhard-Text augenblicklich als solchen identifizieren, weil Bernhard tatsächlich eine eigene Form des Ausdrucks entwickelt hat. Es ist vielleicht das Höchste, was ein Dichter überhaupt erreichen kann. Und man ist wahnsinnig neidisch auf Thomas Bernhard, weil er diese Form der Literatur erschaffen hat. Deshalb wird Thomas Bernhard ja nicht nur gelesen, sondern inspiriert auch noch all jene, die sich mit seinem Werk befassen. Sogar solche Autoren, die Bernhards Literatur als "beschrä..." bezeichnen, verfassen ja z.B. Kurzromane, in denen Maler beobachtet werden, wie es Thomas Bernhard in "Frost" getan hat, nur dass sich ein solcher Roman dann lediglich durch eine reine Schreibschulästhetik auszeichnet, der der göttliche Funke eben fehlt. – Man kann nur an Thomas Bernhard scheitern. Eben daran zeigt sich, dass Thomas Bernhard ein wirklich überragender Autor ist.

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