ERINNERUNGSKULTUR – GEDENKEN, WIE ES WIRKLICH WAR
SCHLESWIG-HOLSTEIN, NORDFRIESLAND, HUSUM & DIE NS-ZEIT  (10.2016)

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Ingwer Paulsen war Kreiskulturwart der NSDAP für den Kreis Husum.14 Am 12.05.1933 hielt er, der Kunstmaler aus Halebüll, auf einer NSDAP-Versammlung im Schobüller Friesenheim eine flammende Rede über Ziele und Aufgaben des Nationalsozialismus. Fünfzehn Schobüller traten infolgedessen der SA bei.15 Nach Ingwer Paulsens Tod im Jahre 1943 haben die Einheimischen eine Straße nach ihm benannt. Sie heißt noch heute so. – Fotografien, die Ingwer Paulsen und den Ingwer-Paulsen-Weg zeigen, finden sich in der Bildchronik "Schobüll, wie es früher einmal war" von Erwin Jacobsen. Hintergrundtexte wie den obigen sucht man dort vergebens. Das Buch glänzt vor allem durch das Weglassen von derartigen Informationen. Dennoch wurde das Werk bei seinem Erscheinen im Jahre 2010 von führenden Politikern auf Stadt-, Kreis- und Landesebene unter anderem mit folgenden Worten begrüßt: "Die von Herrn Jacobsen zusammengestellte Sammlung historischer Fotos aus dem Husumer Ortsteil Schobüll, verbunden mit den exakt recherchierten Beschreibungen, gibt uns einen wertvollen Einblick in die Entwicklung der Gemeinde Schobüll in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts."16 In der Tat stammt der Großteil der Bilder aus der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus und aus der NS-Zeit selbst. Allerdings wird der historische Kontext vollkommen ausgeblendet. Die als exakte Beschreibungen bezeichneten Bildunterschriften werfen mehr Fragen auf, als durch die Publikation beantwortet werden. Sechs der rund 350 Bilder zeigen zwar auch ein in Schobüll betriebenes Lager der Hitlerjugend, eingebettet sind diese Fotos allerdings in das Postkartenidyll von Bauernhäusern und familiär heiterem Landleben. Eine solche Darstellung deckt sich mit der Zielsetzung von Jacobsens Werk: dem Herausarbeiten einer möglichst "fotogenen Vergangenheit".17 Dass unter diesem Aspekt auch eindeutiges NS-Bildmaterial kuratiert wurde, ist geschmacklos. Was hier als eine Art Pfadfindercamp mit "Lagermutter Christiansen" dargestellt wird, ist eine NSDAP-Einrichtung, in welche die Kinder letztlich unfreiwillig eingegliedert wurden – allerdings nur jene, die man aufgrund geistiger und körperlicher Verwertbarkeit nicht zu vergasen gedachte.18 Die "Pimpfe" wurden zwischen Fahnenappellen und körperlicher Ertüchtigung in Rassenlehre und NS-Ideologie geschult. Letztlich wurden sie auf den Kampfeinsatz vorbereitet. Wie wahr das ist, zeigt ein Foto von 1936 in der Publikation von Thomas Steensen.19 Dort ist eine Gruppe desselben "Jungvolks" im Alter zwischen 10 und 14 Jahren aus Oster-Ohrstedt zu sehen. Sieben der 16 Jungen überlebten ihren späteren Kriegseinsatz nicht.

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14   Holger Piening, Nordseeküste im Krieg 1939 - 42, Seite 257; Boyens Buchverlag, 2010

15   Husumer Nachrichten vom 13.05.1933, Kreisarchiv Nordfriesland

16   Birgitt Encke (Bürgervorsteherin) und Rainer Maaß (Bürgermeister) aus dem Grußwort der Stadt Husum in Erwin Jacobsen, "Schobüll, wie es früher einmal war", Schobüll, 2010

17   Mit den Worten "Auf der Suche nach fotogener Vergangenheit" war im Juli 2008 jener Artikel in den Husumer Nachrichten überschrieben, der zum Einsenden von Bildmaterial aufrief. So steht es in dem von Alfred Lorenzen verfassten Geleitwort, das dem Bildband "Schobüll, wie es früher einmal war" vorangestellt ist.

18   Die Euthanasie in Schleswig-Holstein und die Mitschuld der Schleswiger Gerichtsbarkeit ist u. a. durch die Flensburger Theaterwerkstatt Pilkentafel in dem Stück "Westliche Höhe" auf künstlerisch hohem Niveau verarbeitet worden. Fortlaufende Kostenrechnungen, die von den "Heilanstalten" an die Verwandten der Eingewiesenen geschickt wurden, täuschten über Wochen und Monate therapeutische Bemühungen vor, obwohl man die Patienten längst ermordet hatte. – Zu aller erst geht es in dem Stück "Westliche Höhe" aber um die letzten Tage des Dritten Reichs, das nicht etwa in Berlin sein Ende fand, sondern in Flensburg. Infolgedessen tauchten zahlreiche hohe NS-Funktionäre im ländlichen Raum Schleswig-Holsteins unter.

19   Steensen, Seite 99