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BÜRZELDRÜSE  –   EIN   PLÄDOYER  FÜR  DIE  FORM (03.2017)

Der Gesang der Vögel nimmt
mitunter sehr komplexe Formen an.
Nachtigallen beherrschen bis zu
zweihundert Strophen,
wobei jede dieser Strophen
aus vielen hundert Noten besteht. –
Die Gesänge folgen einem Aufbau.1


Menschen, die sich bei ihren Äußerungen auf 140 Zeichen beschränken, schaffen auch durch die Verknüpfung der einzelnen Nachrichten noch keine formgebende Struktur. Die sozialen Netzwerke verführen aber zu einer permanenten Kommentierung. Bewegung ist das Geschäftsmodell. So wird Partizipation simuliert. Das mag dem Austausch von Privatmeinungen noch genügen. Doch, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, erlangen diese Äußerungen durch ihre schiere Masse eine gesellschaftlich relevante Dimension. Erhellend wirkt Kants Architektonik der reinen Vernunft. Mit diesem Gerüst lässt sich deutlich erkennen, dass derartige Kommentare in der Tat nicht gegliedert, sondern gehäuft sind. Hinzu kommt, dass sich an jeder Stelle der Meinungskonvolute auch noch weitere Stapelungen von Aussagen anfügen lassen. Es wird endlos. Auf Twitter geschieht dies mit #hashtags, die bereits in ihrer wörtlichen Bedeutung auf den destruktiven Charakter ihrer selbst verweisen (hash = zerhacken). Das ist auch keine Aufschlüsselung im brauchbaren Sinne Kants oder irgendeines Philosophen. Deren Zergliederung bezieht sich auf eine Behauptung, die schrittweise auf die Bedingungen ihrer Entstehung zurückgeführt wird. Darüber stehen bei Kant nur noch die Prinzipien, nach denen die These strebt. (Wir kommen noch darauf zu sprechen.) Ansichten, Meinungen und Urteile bilden sich aber zunächst aus dem, was erlebt, gelesen oder vom Hörensagen übernommen wurde. Man wird nun einsehen, dass es im gesellschaftlichen Diskurs einer Aufschlüsselung in Richtung der Quellen bedarf; denn jeder Mensch verfügt zweifellos über einen anderen Erfahrungshorizont. Auch die eigene Meinung lässt sich ohne die Darlegung der Bedingungen, die für die jeweilige Überzeugung sprechen, gar nicht greifbar machen. Artikulation verlangt aber genau das. Bereits das spätlateinische articulare bedeutet nichts anderes als "gegliederte Rede". Der Begriff verweist auf den Anspruch, der mit unserem Mitteilungsbedürfnis verknüpft ist. Ein Denken aber, so folgert Adorno aus Kants Kritik der reinen Vernunft2 – ein Denken aber, das gar kein System aufweist, ist zwangsläufig direktionslos oder autoritär. Das sind die Prinzipien, die schlechterdings gelten. So zeigt sich der wahre Charakter von unartikulierten Äußerungen, und zwar selbst dann, wenn sich die Verfasser beim Ausschöpfen ihres Grundrechts auf Redefreiheit als Verfechter demokratischer Werte begreifen. Doch ein solches Pochen auf völlig freie Meinungsäußerung verblasst vor den Prinzipien, die der Artikulation zugrunde liegen. Die Sprache – zweifellos eine Verstandesleistung – strebt wie alle vernunftgeprägten Tätigkeiten zu einer Beschreibung der Welt als systematische Einheit. In diesem System ist die artikulierte Meinung für die Demokratie von derselben Unverzichtbarkeit wie das Darlegen von Erfahrungsquellen innerhalb einer jeden Behauptung. Das Schlussfolgern hin zu diesen Behauptungen ist ein Weg, um den eigenen Standpunkt deutlich zu machen. Ein anderer Weg ist das Vermitteln von Erkenntnis durch Induktion:

Für Nachtigallen ist die richtige Reihenfolge der Strophenteile essenziell. Spielt man den Tieren plötzlich die Gesangsteile willkürlich vor, hat das Folgen. Die Vögel erkennen ihre eigenen Artgenossen nicht mehr.

J.-C. P. 03.2017

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1   vgl. Jenny von Sperber, Radiobeitrag im Deutschlandfunk vom 19.12.2010, Ausschnitt über die Arbeit des Dr. Henrik Brumm am Max Planck Institut für Ornithologie in Seewiesen.

2   vgl. Adorno, Dialektik der Aufklärung: Exkurs II: Juliette oder Aufklärung und Moral

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