LEONHARD  FRANK  (eine Neurezeption) (04.2013)

Die meisten Dramen von Leonhard Frank beruhen auf Handlungen und Teilhandlungen seiner Erzählprosa (zum Beispiel: Die Ursache, Karl und Anna, Das Männerquartett, Ruth). Die als Schauspieltext entstandenen Manuskripte "Hufnägel" (1930) und "Der Außenseiter" (1937) wurden gegen Ende der 50er Jahre noch einmal vom Autor überarbeitet. Sie sind heute mit "Die Kurve" und "Die Hutdynastie" betitelt. – Auch anhand dieser Revisionsgeschichte lässt sich bei Frank eine Entwicklung erkennen, die von der Erzählprosa hin zum Schauspiel führt. Gemessen wird er jedoch heutzutage, wie es scheint, vor allem an seiner Erzählprosa, was seinem Werk jedoch nicht vollständig gerecht wird.
       Frank trifft mit seinem Schreiben zwischen 1914 und dem Ende der Weimarer Republik den Zeitgeist einer ganzen Generation. Mit seinen Prosatexten "Die Räuberbande" (1914) und "Die Ursache" (1915) hatte er "die literarische Welt überrascht", wie Erich Mühsam in seinen unpolitischen Erinnerungen festhält. Marcel Reich-Ranicki bezeichnet Franks Novellensammlung "Der Mensch ist gut" (Kleist-Preis 1918) als "europäisches Ereignis"1.
       Wenn wir jedoch zunächst Franks erzählende Prosa betrachten, so steht diese stilistisch hinter vergleichbaren Werken seiner Zeitgenossen zurück. Ungeachtet ihrer Faszination und Wirkung ist "die Räuberbande" (Theodor-Fontane-Preis 1914) im Ausdruck plump und unausgegoren. In einer Gegenüberstellung mit dem Schreibstil Heinrich Manns – aufgezeigt an der Beschreibung eines despotischen Lehrers – wird der qualitative Unterschied deutlich:

Heinrich Mann; "Professor Unrat" (1905):
"Und sofort zuckte der Alte heftig mit der Schulter, immer mit der rechten, zu hohen, und sandte schief aus seinen Brillengläsern einen grünen Blick, den die Schüler falsch nannten, und der scheu und rachsüchtig war: der Blick eines Tyrannen mit schlechtem Gewissen, der in den Falten der Mäntel nach Dolchen späht. Sein hölzernes Kinn mit dem dünnen, graugelben Bärtchen daran klappte herunter und hinauf. Er konnte dem Schüler, der geschrien hatte, »nichts beweisen« und musste weiterschleichen auf seinen mageren, eingeknickten Beinen und unter seinem fettigen Maurerhut."

Leonhard Frank; "Die Räuberbande" (1914):
"Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor und stieß mit Vehemenz seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster. Erzürnt sah er sich um, seine kleinen Apfelbäckchen spannten sich. Er hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten davon. Ihr morgiger Sonntag war verhängt von der Schulstunde des Montags. Der Lehrer war gefürchtet."

"Der Lehrer war gefürchtet" und Punkt. Frank spielt nicht mit den Möglichkeiten der literarischen Schriftsprache. In seinem zweiten Werk "Die Ursache" findet er allerdings zu einem durchweg flüssigem Erzählton, der vor allem durch seine unmittelbaren Schilderungen den Leser fesselt. Franks Schreiben ist auf eine humanistische und gesellschaftskritische Kernaussage gerichtet, die sich in der Darstellung einer fast schon nüchternen Handlung konzentriert. Überdeutlich wird dies an der Novellensammlung "Der Mensch ist gut". Die Charaktere sind hier gleichsam Archetypen (der Vater, die Kriegswitwe, das Liebespaar), deren psychologische Tiefe hinter der Beschreibung eines Zustands zurücktritt. Dies wird der Absicht seines Schreibens vollends gerecht, darf aber über die Tatsache nicht hinwegtäuschen, dass andere Autoren seiner Generation (z.B. Döblin) eine sprachlich gewandtere Hintergründigkeit und Experimentierfreude in ihren Werken zum Ausdruck bringen. Aber eben dieses vermeintliche Defizit wird zur Stärke in Franks Dramatik. Denn was den Debütroman von Leonhard Frank in dem oben genannten Vergleich mit Heinrich Mann so fantasielos scheinen lässt, ist genau jenes Element, das in seinen Theatertexten den Raum für die schauspielerische Interpretation lässt. Die Vorstellung, die bereits zitierte Textstelle von einem Darsteller sprechen und spielerisch ausfüllen zu lassen, scheint ungemein reizvoller, als sie in einem Roman gedruckt zu sehen: "Er hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten davon. Ihr morgiger Sonntag war verhängt von der Schulstunde des Montags. Der Lehrer war gefürchtet." Hier findet sich die Tendenz zu jenem Schreibstil, der dann in Franks Theaterstücken zu einer glasklaren Bühnensprache wird:

DOKTOR MARTIN
Ich bin Psychiater, Ruth. Ich weiß, was da zu wissen ist. … Du wirst wieder zu dir finden.

RUTH
Mit dem Kopf könnte ich mir einreden, was ich nicht mehr fühlen kann – dass ich noch ein Mensch bin. […] Du kennst nur Gefühlskranke und Gefühlsgesunde. Es gibt etwas Drittes. Das kennst du nicht. Gefühlstote. Mein Fall steht nicht in deinen Lehrbüchern. Meinen Fall hat es vor der Naziherrschaft nicht gegeben. Die Römer haben Sklaven von den Löwen in der Zirkusarena zerreißen lassen. Die Römer waren human.

Franks Dramen entfalten mitunter eine erschreckende Direktheit. Deutlich wird dies an dem Stück "Ruth" (1958), das der Autor knapp drei Jahre vor seinem Tod aus dem Roman "Die Jünger Jesu" herausgearbeitet hat. – Es wäre sicherlich vermessen, die Behauptung aufzustellen, dass Franks erzählende Prosa lediglich als Entwurf für seine Bühnenwerke gedient hat. Fakt ist aber, dass sein Prosawerk nur den Anfang einer Entwicklung bildet, die letztlich doch im Drama ihren Höhepunkt erreicht. Eine Figur wie Ruth, die in ihrem Urteil so absolut und klar, dabei jedoch emotional so facettenreich auftritt, ist eine Frauengestalt, wie sie in der dramatischen Literatur nur selten zu finden ist.

Franks Bedeutung als Dramatiker scheint bis heute übertönt von dem lautstarken Echo seiner prosaischen Erzählungen. Seine Bühnenwerke sind nur noch antiquarisch (Aufbau Verlag) und in einigen Leihbüchereien zu beziehen. Aufführungsmanuskripte finden sich allerdings noch beim Theaterverlag Desch und Felix-Bloch-Erben. Franks Hörspiel- und Filmmanuskripte sind derzeit nicht wissenschaftlich erfasst. Eine umfassende Bibliographie findet sich auf den Internetseiten der Leonhard-Frank-Gesellschaft.
       In der Auseinandersetzung mit Franks Stücken wird deutlich, dass es sich hier um einen der ausdrucksstärksten Dramatiker unserer jüngeren Vergangenheit handelt.
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1 www.faz.net

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