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GIDDY MINDS - ÜBER DEN CHARAKTER DES POPULISMUS (04.2016)

»Den Ausbruch muss man durch ein langes Stillschweigen vorbereitet haben und dann schnell wie eine Bombe mitten unter die Streitenden hineinfallen. Niemand versteht diese Kunst besser als ich.« (Diderot; Rameaus Neffe)

Die Häufung von Hasskommentaren im Internet wirft die Frage nach dem einen Wesenszug jener Menschen auf, die sich in solchen Äußerungen verbunden fühlen. Dass es sich hierbei um ein Massenphänomen handelt, ist unumstritten. Insofern genügen die Kriterien, die diese Menschen allein über ihren Bildungs-, Berufs- oder Sozialstand definieren, nicht. Was die Verfasser von Hasskommentaren eint, ist ein Gefühl des Abgehängtseins, der Zukunftsangst und einer buchstäblichen Ohnmacht. Das ist in der Tat ein Empfinden, das in allen gesellschaftlichen Schichten auftritt. Es treibt blinde Randalierer mit so genannten Wutbürgern zusammen auf die Straße. Sie teilen das, was Foucault dem Neffen von Rameau bescheinigt: ein sklavisches Bewusstsein.1 Dieses sklavische Bewusstsein hegt zwar Gedanken, aber keine gesellschaftlich relevante Handlungsabsicht. Wenn es sich äußert, tut es dies allenfalls in Ausbrüchen, die sich in unseren Zeiten eben auch auf die digitalen Kommunikationsformen erstrecken. Was dort auftritt, ist ein Phänomen, das wir in seiner extremsten Form als Sturm der Scheiße wahrnehmen. Die Plattformen, auf denen es entsteht, tragen wesentlich dazu bei; denn sie sind überhaupt nicht dafür angelegt, dass Debatten mit dem Ziel geführt werden, einen Punkt der Erkenntnis in den gesammelten Meinungen zu fixieren. Aber eine gesellschaftlich relevante Äußerung bedarf nun einmal der Kontemplation und der Argumentation. Stattdessen wird auf vielen Internetplattformen und in sozialen Netzwerken lediglich zur stetigen und immer schnelleren Teilhabe angeregt. Da ist ein Sturm der Scheiße das Beste, was den Betreibern passieren kann. Auch deshalb tut sich Facebook mit dem Löschen von Hasskommentaren so schwer. Die Zensur ist allerdings auch keine würdige Lösung. Hasserfüllte Äußerungen lassen sich am ehesten reduzieren, indem man beispielsweise eine Mindestzahl von hundert Wörtern pro Kommentar festsetzt. Die meisten Ausbrüche hätten sich vor Erreichen dieser Wortmenge bereits erschöpft, die übrigen würden sich in Widersprüchen verlieren und damit zwangsläufig die Unhaltbarkeit ihrer eigenen Behauptungen zur Schau stellen. Doch das wird kaum von selbst geschehen; denn die Betreiberunternehmen solcher Plattformen wollen Klicks – und Menschen klicken eben nicht, wenn sie sich Zeit zum Nachdenken sowie zum Lesen und Verfassen von ausführlichen Texten nehmen. Das Aufkommen von Hasskommentaren in Form von ganzen Scheißestürmen ist also ebenfalls durch die Strukturen bedingt, in denen sie losbrechen. Das stärkt Populisten aller Couleur; denn die in einer unbedachten Äußerung enthaltene Emotionalität schürt die Dramatisierung eines jeden Sachverhalts, was unzweifelhaft auch eine Eigenschaft des Populismus ist.
       Das Paradoxe ist, dass die Energie, die sich mit einer jeden Hassbotschaft entlädt, ihrem Wesen nach erst einmal nichts anderes als Verschwendung ist; denn der Erkenntnisgewinn ist ja wie gesagt unmöglich, wodurch sich auch keine Handlungsrichtlinien beschließen lassen, wie dies in gesellschaftspolitisch relevanten Gremien und Plenen geschieht. Stattdessen stellt der viel verwendete Begriff 'Stammtischniveau' trefflich dar, in welchem Raum wir uns hier tatsächlich befinden. Mit diesem Begriff lässt sich nicht nur die Qualität der Kommentare im Einzelnen bezeichnen, sondern auch die programmatische Unschärfe von populistischen Bewegungen und Parteien im Ganzen. Es sind also durch und durch Nebensächlichkeiten, denen sich diese Leute widmen, und der Raum, in dem sie dies tun, hat durch und durch einen privaten Charakter. – Ein Herrscher wie Henry IV. von England (in Shakespeares Dramenversion) wäre zu seinem Erstaunen noch um den teuersten Rat gebracht, den er am Lebensende seinem Sohn und Thronfolger mit auf den Weg gibt, damit dieser dem eigenen Herrscherhaus den Machterhalt sichern kann: "Therefore, my Harry, be it thy course to busy giddy minds with foreign quarrels, that action, hence borne out, may waste the memory of the former days."2 Die Populisten tun dies erst einmal von selbst. Es sind Privatmenschen, die sich entgegen ihrer Empfindung immer noch in einem privaten Raum beschäftigt halten. Der Unterschied zwischen der Situation in Shakespeares Drama und unserer Gegenwart liegt allerdings darin, dass selbst die unbedachtesten Stimmen der Giddy Minds sich heute nicht mehr in fernem Gezänk auflösen, sondern von der Gleichzeitigkeit des Internets konserviert werden, wodurch das Provokationsmoment ihrer Äußerungen erhalten bleibt. Das Private ist öffentlich – und durch die schiere sich selbst befeuernde Masse erhält es seine politische Dimension. Populistische Bewegungen gehen daraus gestärkt hervor. Sie sind Phänomene der Quantität, nicht der Qualität. Das zeigt sich unleugbar daran, dass politische Parteien dieser Klientel keine Inhalte zu bieten haben, die der Komplexität eines gesellschaftlich relevanten Sachverhalts gerecht werden. Ihr Verstand ist Emotion, ihre Stimme ist Gebrüll und ihre Seele ist das sklavische Bewusstsein ihrer Anhänger. Dass ein Mensch so ist, wünscht man ihm nicht. Noch weniger wünscht man sich den Staat, den solche Menschen ermöglichen.

J.-C. P. (04.2016)

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1  Michel Foucault; Wahnsinn und Gesellschaft; drittes Buch; Einleitung
2  Shakespeare; The Second Part of Henry IV.; 4. Akt; letzte Szene


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