VERSÖHNUNG MIT HEIDEGGER WIDER DIE INTELLIGENZ (11.2015)
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»In Deutschland haben wir ja ein ganz einfaches Mittel, einen intelligenten Menschen zu erkennen.« »: ? –«. »Wenn er Wieland liebt.« (Arno Schmidt, "Aus dem Leben eines Fauns")

Man erinnert sich sicherlich noch an die berühmt gewordene Textnachricht einer Gymnasiastin, die das Schulsystem dahin gehend bemängelt hat, dass sie, trotz der Befähigung eine Gedichtanalyse in vier Sprachen zu verfassen, nicht in der Lage wäre, etwas Alltägliches wie ihre Steuern zu erklären. Die darauf folgende Diskurslawine erbrach sich über der Erörterung, welche Studien- und Lerninhalte wohl am ehesten geeignet wären, mündige Bürger hervorzubringen. Hier stellt sich also die Frage, welche Kompetenzen es tatsächlich sind, die wir als essenziell und notwendig erachten. Vom Standpunkt der kulturellen Bildung her betrachtet ist es jedenfalls unwesentlich, wie viel Wissen ein Mensch in seinem Leben angehäuft hat. Heidegger hat diese Tatsache in seinen schwarzen Heften1 bewiesen. Immerhin handelt es sich bei ihm um jemanden, den man wohl als intelligenten Menschen bezeichnen dürfte, was insbesondere auch durch den Umstand gestützt wird, dass sich in Heideggers Kopf nicht nur ein immenses Wissen angehäuft hatte, sondern auch noch die Befähigung, dieses Wissen in derart logische und ästhetische Zusammenhänge zu bringen, sodass er weltweit dafür gerühmt wurde. Und nun? Nun hat mit der Veröffentlichung seiner schwarzen Hefte im Jahre 2014 ein antisemitischer und zutiefst unmenschlicher Wesenszug seines Denkens die Öffentlichkeit erschüttert. Es lässt sich daher ausschließen, dass intellektuelle Fähigkeiten irgendetwas mit Kultur zu tun haben, wodurch sich weiterhin ausschließen lässt, dass dumme, gleichsam intelligente Äußerungen für den Bildungsstand oder für die soziale Klasse einer Person spezifisch sind.Exkurs 1

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1  Siehe z.B. den Artikel auf Zeit.de vom März 2014 mit dem Titel "Das vergiftete Erbe"

Exkurs 1   Dies ist ein Umstand, der sich nach 1945 zu allererst in der Schlussbemerkung des von Adorno in den 1950er-Jahren verfassten Kapitels "Schuld und Abwehr" herauslesen lässt. Die gesamte Studie untersucht das Schuldbewusstsein der Deutschen am Holocaust. Dazu wurden Gespräche mit Teilen der Bevölkerung aus allen sozialen Schichten geführt. Interessant ist hier die Erkenntnis, dass eine "ausgesprochene antisemitische Einstellung" besonders bei Bauern wie Akademikern festgestellt wurde. Heutige Untersuchungen (z. B. die Studien von Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel, TU Berlin) zeigen, dass nach wie vor "auch gebildete, beruflich erfolgreiche Menschen extreme Vorurteilssysteme aufrechterhalten können."2 Die soziale Klasse oder der Bildungsstand sind also nicht kennzeichnend für die Kulturfähigkeit von Menschen; wobei Kulturfähigkeit bedeutet, über das eigene natürliche Selbstverständnis hinaus – also über das, was wir als selbstverständlich empfinden, Verbindungen zur Welt und anderen Menschen aufbauen zu können.


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