NORDFRIESLAND – KULTURVERFEHLUNG 2014  (12.2014)
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I know you all, and will a while uphold
The unyok'd humor of your idleness,
Yet herein will I imitate the sun,
Who doth permit the base contagious clouds
To smother up his beauty from the world,
That when he please again to be himself,
Being wanted, he may be more wond'red at
By breaking through the foul and ugly mists
Of vapors that did seem to strangle him.
If all the year were playing holidays,
To sport would be as tedious as to work;
But when they seldom come, they wish'd for come,
And nothing pleaseth but rare accidents.
So when this loose behavior I throw off
And pay the debt I never promised,
By how much better than my word I am,
By so much shall I falsify men's hopes,
And like bright metal on a sullen ground,
My reformation, glitt'ring o'er my fault,
Shall show more goodly and attract more eyes
Than that which hath no foil to set it off.
I'll so offend, to make offense a skill,
Redeeming time when men think least I will.1


Von Margarete Böhme (1869-1939) stammt der Satz: "Die Husumer1 sind fast ausnahmslos tüchtige Menschen, [...] während sie innerhalb des Weichbildes ihrer Vaterstadt leider oft ins indolent hindösende Spießbürgertum hinüberphilistern." – Wissen Sie, wer Margarete Böhme war? – Eben. Fast niemand erinnert sich an diese literarische Stimme, die nicht nur Ihnen, meine lieben Husumer, auch heute noch wirklich etwas zu sagen hat. Sie ist debattierfähig, kritisch und kann (wenn auch etwas langatmig) erzählen. Sie richtet unseren Blick auf eine gewohnheitsmäßig gelebte Alltagswelt, die es zu hinterfragen gilt. Zwar blieb Margarete Böhme als Frau zur damaligen Zeit ein höherer Bildungsweg verschlossen, dennoch hat sie gegen alle Vorurteile eine eigene Stimme entwickelt, die von Millionen Lesern in 14 Sprachen gehört wurde. In Böhmes sozialkritischen Roman "Christine Immersen" kommt all jenes Reflektieren und Sortieren der eigenen Situation zum Tragen, was eben auch heute noch so unverzichtbar ist – nicht nur für die Husumer. Aber orientieren wir uns an dieser Frau? Arbeiten wir irgendetwas für uns aus ihrem Erbe heraus? Nein. Stattdessen beschäftigen wir Literaturwissenschaftler damit, jede Wand an die Theodor Storm seinen Schatten geworfen hat, zu einem historischen Ort zu verklären. Es ist doch so, dass die Arbeit der Storm-Gesellschaft in Husum vorrangig nichts anderes ist als ein Marketinginstrument der Stadt und der Hermann-Tast-Schule. Hier wird das Bild des rauschebärtigen Schriftstellers gemalt, der in seinem Poetenstübchen hockt und Gedichte auf das Blatt meditiert. Aber was hat Storm uns im Vergleich mit Margarete Böhme denn wirklich zu sagen, außer dass er im schummrigen Licht seiner romantisch anmutenden Deuteleien die hiesigen Menschen und die Natur zu einer Märchenwelt verklärt? Machen Sie sich doch mal klar: Die graue Stadt ist für Storm liebenswert, eben weil er sie im Nebel liegen lässt und nicht, weil er diesen Nebel durchdringt! Storm erzählt Märchen, die Sie, liebe Husumer, für nichts anderes als in jeder Hinsicht für bare Münze nehmen.
       Kein Dichter hat so viel zu sagen, dass die permanent erzwungene Penetration seines Werkes dadurch gerechtfertigt wäre. Theodor Storm gehört für mindestens 15 Jahre aus dem Stadtbild Husums verbannt, währenddessen sich das Storm-Haus in ein offenes Literaturhaus zu wandeln hat, was sich dann Texten von künstlerischer und gesellschaftlicher Relevanz in ihrer Vielstimmigkeit annimmt. Ich meine damit nicht nur die Werke von Margarete Böhme, deren Inhalte allein derzeit schon viel wichtiger sind als jene von Storm, sondern wirklich alle Autoren, die mit erhebenden Beiträgen die literarische Landschaft bereichern und bereichert haben. Dazu gehören genauso die zeitgenössischen Künstler, die kritisch und ästhetisch versuchen, mit der Gegenwart einen Umgang zu finden.


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01   SHAKESPEARE; The First Part of Henry IV, Act 1, Scene 2

02   Im Original heißt es wortgetreu "die Treuhusener"; doch wir alle wissen, welche Stadt hier wirklich gemeint ist. Machen wir uns nichts vor, nennen wir die Dinge beim Namen. Sprechen wir es aus!


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