WIE  LITERATURPREISE  DIE  LITERATUR  RUINIEREN
(April 2013)

Vorbemerkung: Die im Artikel erwähnten Verursacher der Fallbeispiele sind um Stellungnahme zu den hier geschilderten Darstellungen gebeten worden. Leider hat sich niemand zu einer Antwort inspirieren lassen.

Bei genauerem Hinsehen erweisen sich einige Literaturpreise als eher einseitige Angelegenheiten für die Preisstifter. In diesen Fällen scheint es so zu sein, dass über eine Preisausschreibung vornehmlich Autorenleistungen generiert werden, die dann honorarfrei vom Preisstifter verwertet werden.

Die Organisatoren des lauter niemand Preises für politische Lyrik mögen mir verzeihen, wenn ich zunächst ausgerechnet ihre Ausschreibung von 2013 zerpflücke. Auch wenn man dem gemeinnützigen Verein keine Gewinnerzielungsabsicht auf Kosten der Autoren nachsagen kann, ist der Text doch ein Musterbeispiel für das, was in anderen Ausschreibungen zu oft als Standartformulierung erscheint. Und vielleicht ist dies alles ja ein Zeichen dafür, wie sehr sich solche Praktiken schon als selbstverständlich in den Köpfen festgesetzt haben.
       Wenn man also diese Preisausschreibung von lauter niemand liest, steht dort, dass sich die Preisstifter alles, wirklich alles, gegenüber den Autoren vorbehalten. Es fängt zwar gut mit dieser Formulierung an: "Drei Dichter erhalten jeweils 1000 Euro, 500 Euro und 250 Euro als Anerkennung." Diese Aussage wird aber am Ende komplett nivelliert: "Stehen nach Auffassung der Juroren keine oder keine ausreichende Zahl preiswürdiger Werke zur Auswahl, wird kein Preis oder nur ein eingeschränkter Preis vergeben." Sogar die Reise- und Unterbringungskosten werden "nicht zwingend" vom Veranstalter übernommen, wie es im weiteren Verlauf des Textes heißt. Und ich frage mich, was denn eigentlich (rein formell gesehen) von dem Versprechen einen Preis zu vergeben noch übrig bleibt?
       Der Bewerber hat hier ja nicht einmal einen Anspruch darauf, dass überhaupt ein Preis vergeben wird. Andererseits wird aber vom Bewerber verlangt, dass er seinen Beitrag in jedem Fall kostenlos für zwei Publikationswege (Print und Web) zur Verfügung stellt: "Die Einsender erklären sich bereit, dass ihre Gedichte als Beispiele politischer Lyrik der Gegenwart auf der Homepage, eventuell in einer Ausgabe von lauter niemand, der Zeitschrift für Lyrik und Prosa, oder in einem Begleitbuch zur Lesung der Preisvergabe (wie 2009, 2010 und 2012) kostenlos vorgestellt werden können." – Mit dieser Ausschreibung ist in erster Linie den Preisstiftern bzw. den Herausgebern gedient. Die Preisstifter generieren hier Inhalte, die sie dann pauschal in ihren eigenen Publikationen nutzen dürfen, ohne eine Gegenleistung erbringen zu müssen. Im Fall von lauter niemand sind das mindestens 160 Autorenbeiträge allein im Jahr 2011, die honorarfrei verwertet werden können.
       Nun wird mit Sicherheit so argumentiert, dass man ja mit der Publikation z. B. in einer Anthologie oder in einem Magazin den Autor "fördert" und dass dies in der Tat eine Leistung sei, die vom Preisstifter bzw. vom Verleger erbracht wird. Aber darauf darf man sich nicht ausruhen. Denn wenn es generell so wäre, dass die Veröffentlichung eines Textes selbst schon als Leistung gegenüber dem Autor zu gelten hätte, dann wäre unser ganzes Verlags- und Vergütungssystem doch ad absurdum geführt. Der Verleger darf sich nicht in erster Linie als Förderer begreifen. Er ist Verwerter. Und als ein solcher Verwerter fördert er seine Autorinnen und Autoren nur damit, dass er deren tatsächlich genutzte Leistung angemessen honoriert.
       Um diese Preisausschreibung von lauter niemand in eine klare Sprache zu übersetzen: "Sie übertragen uns mit der Zusendung ihrer Arbeit automatisch ein einmaliges Nutzungsrecht für unsere Publikationen im Internet und im Printbereich. Dabei verzichten Sie auf jegliches Honorar für Ihre Arbeit. Von allen eingesandten Beiträgen werden dann vielleicht drei Autoren mit einer Summe bedacht, die wir nach eigenem Ermessen festlegen und die wir uns vorbehalten."
       So gesehen ist dies alles natürlich kein faires Angebot an eine Autorin oder einen Autor. Und wenn das alles so ja nicht gemeint sein sollte, frage ich mich, an welcher Stelle – wenn nicht in der Ausschreibung – der Preisstifter denn verbindlich deutlich macht, wie es tatsächlich um seinen Preis bestellt ist.
       Gerade weil es sich hier um einen gemeinnützigen Verein handelt, müssen sich die fördernden Stiftungen fragen, ob die finanziellen Zuwendungen sinnvoll investiert sind. Den Autorinnen und Autoren ist jedenfalls am ehesten damit gedient, wenn Fördermittel zunächst darauf verwendet werden, angemessene Honorare zu zahlen. Das ist es ja, was jeder Autor erreichen will. Die Verteilung der eingeworbenen Spendengelder, die ja ohnehin im Sinne der Autorenförderung eingesetzt werden sollen, wäre dann um ein Vielfaches gerechter. Dies kommt auch der Publikation langfristig zugute. Denn ein Autor, der weiß, dass ein Magazin ihn zunächst einmal für seine tatsächliche Leistung bezahlt, wird seinen Beitrag zuerst an ein solches schicken. Zudem hätte ein derartiges Modell Vorbildcharakter für die freie Literaturszene. Es würde nämlich beweisen, dass sich Qualität für alle Seiten bezahlt macht.

Wie die Literaturpreismodelle einiger kommerzieller Verlagshäuser aussehen, steht im zweiten Teil.

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