POSITIONSBESTIMMUNG IM KULTURELLEN RAUM (09.2015)

Es geht mir darum, eine Bewertung vorzunehmen. Diese Bewertung zielt auf die Absicht, einen Teil unserer Kulturerzeugnisse als würdig, einen anderen Teil als unwürdig zu erkennen. – Das ist Ihnen gegenüber, liebe Leserin und lieber Leser, natürlich ein eher hässlicher Einstieg in die vorliegende Thematik. Wenn jedoch die Notwendigkeit dessen erst einmal dargelegt ist, werden Sie nicht nur verstehen, warum diese Wertigkeit vorgenommen werden muss, sondern Sie werden sich nach anfänglichem Sträuben dem gegenüber auch noch zustimmend zeigen, selbst wenn Ihre eigene Kulturlandschaft gänzlich in den Bereich der von mir geschilderten Unwürdigkeit fällt. Die Gründe dafür liegen zum einen in dem Erkenntnisgewinn, der Ihnen zum Verständnis dessen dienen wird, was Sie ganz persönlich lieben, zum anderen werden Sie, gleich welcher Horizont ihr kulturelles Weltbild umspannt, auch die gesellschaftliche Notwendigkeit der jeweils anderen Seite begreifen können. Hierzu bedarf es lediglich drei Begriffen, aus deren Zusammenspiel sich sämtliche Koordinaten ergeben, die für die eigene Positionsbestimmung erforderlich sind. Diese Begriffe sind: das Private, das Öffentliche und das Gesellschaftliche1.
       Beginnen wir jedoch zunächst damit, eine fundamentale Einteilung vorzunehmen. Wenn ich, wie eingangs erwähnt, eine Ausrichtung der Kultur als würdig und eine andere als unwürdig annehme, so lässt sich sagen, dass diese beiden Gegensatzteile durch zwei essenziell verschiedene Grundhaltungen gekennzeichnet sind. Die eine Haltung ist die des Kulturkonsumenten. Es ist also die Haltung eines Verzehrers, eines buchstäblichen Endverbrauchers von Kultur. Die andere Haltung ist die des Kulturträgers. "Kulturträger" meint hier buchstäblich jemanden, der die Erzeugnisse der Kultur aufnimmt, diese also bei sich behält und mit sich fortträgt, und zwar in andere Bereiche seines Wirkens. Dieser Kulturträger unterscheidet sich vom Kulturkonsumenten durch eine einzige ausschlaggebende Eigenschaft: seinem Willen. Der Kulturträger will also etwas von seiner Kultur, er befragt sie, er fordert sie heraus. Das ist nur ein Grund, warum einigen Kunstwerken, die sich in Musik, Theater und Literatur finden, Unvergänglichkeit anhaftet. Des Weiteren taugen diese Werke auch für eine solch wiederholte Befragung. Sie sind auf mehr Säulen errichtet als ein einfaches Produkt, das sich über Werbung verkauft und gleichsam mit dem Schwinden der forcierten Aufmerksamkeit vergeht. Das hält nun den Kulturkonsumenten auch nicht davon ab, seine eigene Auswahl zu treffen. Dies sind sein Best-Of und seine All-Time-Faves, die ihn wiederholt durch bestimmte Augenblicke des Tages oder gar durch sein ganzes Leben hin begleiten. Das macht Emotionen – Emotionen, die sich situativ (also buchstäblich nach Lust und Laune) durch das wiederholte Rezipieren solcher Werke verstärken oder überhaupt erst erzeugen lassen. Die schmeichelnde Wirkung ist auf einen einzigen Zweck reduziert: die Bestätigung dessen, was ist.
       Kommen wir nun zu den Begriffen des Privaten, des Öffentlichen und des Gesellschaftlichen. Aus der Haltung des Kulturträgers ergibt sich zweifellos ein gesellschaftliches Interesse. Diese Haltung steht unmittelbar in Zusammenhang mit politischem und interkulturellem Engagement. Die Haltung des Kulturkonsumenten tut das nicht. Diese Haltung ist eine rein private Angelegenheit. Sie hat gleichwohl einen anderen, aber nicht denselben gesellschaftlichen Wert, der für einen kulturellen Träger so bezeichnend ist. Das hängt auch mit einer Verzerrung des Begriffs von Öffentlichkeit zusammen, denn in unserer Zeit drängt das Private zusehends in den öffentlichen Raum. Das geschieht zweifelsohne im digitalen wie im analogen Leben, und es geschieht in Größenordnungen, die zu der Annahme verleiten, dass es sich bei diesen privaten Öffentlichkeiten um gesellschaftliche Öffentlichkeiten handelt.
       Die Konsumentenhaltung begreift nun die Kulturerzeugnisse als Ausgleich zu den Anstrengungen des Alltags. Ein solcher Konsum ist Kompensation für einen Teil des alltäglichen Lebens, in dem wir Arbeiten verrichten, die zum einen existenziell notwendig sind, zum anderen aber auch dem Erhalt des jeweiligen Lebensstandards dienen. Deshalb ist die Konsumkultur auch in allen Preisklassen zu haben. Sie ist in allen Sozial- und Einkommensschichten präsent, und das vielfältig wie nie. Deren Produkte sind ein Teil der Freizeit. Sie sind also buchstäblich Teil der freien Zeit, in der wir den Ausgleich zu jenen Tätigkeiten suchen, die ein jeder von uns gezwungener Maßen zu verrichten hat. Auch deshalb sind solche Kulturprodukte durch und durch privat. Selbst wenn sie die Teilhabe einer größtmöglichen Öffentlichkeit genießen, bleibt ihre gesellschaftliche Relevanz auf das Private beschränkt. – Für uns ist es jedoch momentan wichtiger, festzuhalten, dass die Konsumentenhaltung die Kultur als Gegenpol zur notwendigen Mühsal des Lebens auffasst, während der Kulturträger die Kultur aus eben jenen unumgänglichen Notwendigkeiten heraus begreift. Er macht sich also gerade die existenziellen Fragen zum Thema seiner Kultur, und zwar genauso wie die Lebensumstände, an denen sich solche existenziellen Fragen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spiegeln. Jeder Mensch ist von diesen Fragen betroffen. Das macht sie zu einem wahrlich gesellschaftlichen Anliegen. Eine solche Öffentlichkeit hat zudem das Potenzial, mit ihren Kulturerzeugnissen jene als widrig empfundenen Begebenheiten zu verändern, denen sich der Konsument mit seiner Entfaltung im Privaten entzieht.
       Mit dem buchstäblichen Nachdenken dieses Gedankengangs, der bewusst auf Beispiele verzichtet, lässt sich die eigene Position im kulturellen Raum bestimmen. Diese Position liegt einerseits im eigenen Verhältnis zu den Erzeugnissen der Kultur, andererseits ist sie das Verhältnis zu all denen, die sich als Anbieter von Kultur verstehen. Mit diesem Gedanken ist also auch erkennbar, ob und inwieweit sich ein institutioneller Träger von Kultur einer privaten oder tatsächlich einer gesellschaftlichen Öffentlichkeit verpflichtet fühlt. Eine kulturelle Institution jedenfalls, die ihr Publikum über die Konsumentenhaltung zu gewinnen sucht, verspielt ihr gesellschaftliches Renommee. Diese Abwägung ist gleichsam wichtig für Förderkreise, Stiftungen und private Spender, die Unterstützung für kulturelle Einrichtungen oder einzelne Projekte leisten. Insbesondere ist dies von Belang, da eine solch kulturelle Trägerschaft, wie wir gesehen haben, der Konsumentenhaltung gänzlich entgegensteht. Um es kurz zu sagen: Die kulturelle Trägerschaft fußt eben nicht auf den Säulen der Privatwirtschaft und der Kulturindustrie, sondern ist die kritische und ästhetische Kraft des Einzelnen, die nur durch Anerkennung aus dieser Definition heraus zu einer gesellschaftlichen Öffentlichkeit beitragen kann.
       Es bleibt, zu betonen, dass es bei dieser Bewertung nicht um eine generelle Klassifizierung von Kulturverantwortlichen geht (was auch den Rezipienten von Kulturerzeugnissen als verantwortlich mit einschließt). In diesem Text ist von Haltungen die Rede, die einem jeden Menschen in unterschiedlichen Gewichtungen zu eigen sind. Sie sind nicht Teil einer natürlichen Veranlagung oder äußerer Umstände, sondern obliegen immer wieder aufs Neue der Entscheidung, sie einzunehmen.

J.-C. P. (12.2015)

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1   Die zündende Inspiration zu diesem Text stammt aus der Vita activa von Hannah Arendt, erschienen bei Piper

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