DIE  SCHRIFTSTELLER  UND  IHR  SCHREIBTISCH

Balzac, so vermutet es Adorno1, soll sich in den Tagen der Märzrevolution von den tatsächlichen politischen Begebenheiten ab- und sich seinem Schreibtisch mit folgenden Worten zugewandt haben: "Kehren wir zur Wirklichkeit zurück."

"Willst du denn hier in der Tinte sitzen?
Schau, wie die Felder da draußen blitzen."
So drängt sie mich fort unter Lachen und Streit,
Mir tat's um die schöne Zeit nur leid.
(Eichendorff)

Hermann Hesse ließ sich seinen Schreibtisch in den Raum hinein entwerfen.2 Hinter einer dünnen Arbeitsplatte aus hellem Holz, die rechts und links auf zwei wohlproportionierten Schrankelementen ruht, nahm der Autor Platz: eine schlichte, klassizistisch anmutende Architektur und nichts weniger als ein Altar. Kurt Tucholsky hat den seinigen jeden zweiten Sonntag aufgeräumt: "Nun liegen alle Briefe still. [...] Die Damen liegen, wie so häufig im menschlichen Leben, obenauf. Danach kommen die Geschäfte. Der ganze Packen ist so hoch wie zwei Apfelkuchen. Sankte Epistola, steh mir bei!"3
       Der bürgerliche Schreibtisch beginnt seinen Kreuzzug gegen Ende des 18. Jahrhunderts und hat seine Entwicklung zunächst der veränderten Lesekultur dieser Epoche zu verdanken. Jean Paul bemerkt dazu: "Himmel! wenn man sich erinnert der alten vielpfündigen Folianten, in Bretter, Leder, Messingbeschläge und Klammern gefaßt, gleichsam lederne, mit Messingnägeln besetzte Großvaterstühle des gelehrten Sitzlebens, und wenn man dagegen ein Taschenbüchlein hält: so kann man wahrlich nicht klagen"4 – Was bis dato nur in staubigen Studierstuben gewälzt wurde, konnte nun leichten Fußes hinaus in die Natur getragen werden. Das Lesen wurde zum Vergnügen und eroberte alsbald auch die bürgerliche Stube. Neue Lese- und eben auch Schreibmöbel wurden aufgestellt5, von denen man sich auch in müden Phasen kaum mehr zu lösen vermochte.
       So berichtet Johann George Scheffner in seiner Autobiografie6, dass er während seiner Nachdenkintervalle unzählige Punkte in die Tischplatte tätowierte. Aber auch Bettina von Arnim gesteht ihrer Freundin Günderode: "Wenn ich mich an den Schreibtisch setze und es fällt mir gar nichts ein und ich schneide mit dem Federmesser eine dumme Fratze nach der andern in den Tisch, die mich alle auslachen, daß mir nichts einfällt, da werf ich mein Buch weg, wo lauter Versanfänge drin stehen und kein Reim drauf."7
       Hocken Sie nicht auch grad selbst an einem Schreibtisch? Stundenlang? Tagelang? – Thomas Bernhard: "Ich werde mich beruhigen und anfangen, sagte ich mir. Immer wieder sagte ich mir: Ich werde mich beruhigen und anfangen. Aber als ich es an die hundert Mal gesagt hatte und ganz einfach nicht mehr hatte aufhören können, das zu sagen, gab ich auf. [...] In der Morgendämmerung war es mir nicht mehr möglich, mit meiner Arbeit anzufangen. [...] Ich stand auf und verließ fluchtartig meinen Schreibtisch."8 – Aber wohin? Wohin?
       Von Peter Hille wird gesagt, dass er überall dort geschrieben habe, wo er gerade ging und stand. "In der Straßenbahn oder in der Kneipe kritzelte er seine Einfälle auf Tüten, Briefumschläge, Butterbrotpapier, Zeitungen oder Servietten."9 Er war ein Dichter ohne festen Schreibtisch. Man fand ihn eines Tages im Jahre 1904 sterbend auf einer Parkbank. – Klüger hielt es da George Hesekiel, über den sein Freund Theodor Fontane festhält: "An Tagen, wo's ihm ganz besonders widerstand, ging er zunächst viele Male, wie mit sich kämpfend, um seinen Schreibtisch herum, und erst wenn er alles Widerstrebende niedergezwungen, sich für seine Aufgabe montiert hatte, nahm er seinen Platz und begann zu schreiben."10 – Der Schreibtisch erweist sich als Mittelpunkt des Weltgefüges, an dessen Tafel nur die gereinigte Seele platzzunehmen würdig scheint. An seiner platten Oberfläche wird die Wahrnehmung entsinnlich, während man den Körper krümmt. Der Schweizer Autor und Psychiater Walter Vogt bezeichnet die Schriftsteller als Geschwister der Wahnsinnigen11, die ein Leben voll Besessenheit und Zwang, zwischen Schreiben als Krankheit und Schreiben als Therapie zu führen verdammt sind. Im Zentrum steht das Möbel, um das sie zirkulieren. Schwerkraft fordernd zieht der Schreibtisch Geist- und Körperhaltung zum Papier.

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1 Theoder W. Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 11: Noten zur Literatur: Balzac-Lektüre (Suhrkamp, 1986)
2 http://www.hermann-hesse-hoeri-museum.de
3 Kurt Tucholsky: "Korrespongdanx", Gesammelte Werke, Bd. 7 (Rowohlt, 1985)
4 Jean Paul, Kleine Nachschule zur ästhetischen Vorschule, Miserikordas-Vorlesung in der Böttigerwoche. (vgl. auch die folgende Fußnote)
5 Reinhard Wittmann, Geschichte des deutschen Buchhandels (C. H. Beck 1991)
6 Johann George Scheffner, Mein Leben; Erstdruck: Leipzig (J.G. Neubert) 1816, ausgegeben 1823
7 Bettina von Arnim, Die Günderode (Grünberg und Leipzig 1840)
8 In: Sabine Fringes, Die lange Nacht über Thomas Bernhard (Deutschlandfunk 06.02.2011)
9 In: Peter Mayer, Zum schwarzen Ferkel – Die lange Nacht über einen Alt-Berliner Künstlertreffpunkt (Deutschlandfunk 02.03.2013)
10 Theodor Fontane über George Hesekiel in Autobiografie "von Zwanzig bis Dreißig" (F. Fontane, Berlin 1908)
11 Walter Vogt, Gesammelte Werke, Bd. 10; "Schreiben als Krankheit und als Therapie." (Nagel & Kimche 1992)


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