NOTEN  ZUR  (SCHWEIZER)  LITERATUR  (SRF Kultur) (06.2015)

Der folgende Artikel bezieht sich auf eine Videoveröffentlichung von SRF Kultur aus dem Jahr 2014.

Das, was aus dem Schatten von Frisch und Dürrenmatt hervorsticht, sind schweizer Literaturen, die insgesamt viel mehr zu bieten haben, als jene beiden Vorzeigeautoren, die in diesem Einleitungssatz erwähnt werden.
       Philippe Jaccottet mag in einer hölderlinschen Romantik verwurzelt sein, doch er ist kein Romantiker. Er sieht hin, und zwar immer wieder. Jaccottet nimmt die Dinge zwar aus einer schwärmerischen Haltung heraus wahr, was ihm allerdings als Triebkraft seiner Neugier dient. So dringt er in die Motive seiner Dichtung ein. Er ist ein Schwärmer, ja, aber er macht sich damit nicht blind. "Im Aufstieg und Gesang dieser kleinen Geschöpfe [Lerchen] lag eine Gewalt, die mich auch jetzt noch mit Staunen erfüllt. Gewiss, es waren keine Ariettas, um Salons zu bezaubern und auch keine Elegien!"
       Walter Vogt (1927-1988) ist ein Schriftsteller und Dichter aus Muri bei Bern, der nur noch antiquarisch in den Publikationen der ehemaligen DDR zu finden ist. Die letzte mir bekannte schweizer Veröffentlichung ist die Werkausgabe bei Nagel & Kimche, erschienen 1991-1995. Die Ansätze von Vogts Schreiben kreisen um Beobachtung, Wahrnehmung, Religiosität, Alltag und Natur. Vogt war Psychiater und auch Patient der Psychiatrie, er war Vogelkundler und Polaroidfotograf. Sein Sprache ist klar, deutlich und ungemein pointiert. Seine Fiktion ist fabelhaft, seine autobiografischen Selbstsezierungen sind schonungslos. Vogt erschafft aus Kleinigkeiten literarische Ereignisse (z.B. in "Altern"). Es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum sein Werk in Deutschland nahezu unbekannt und in der Schweiz derart in Vergessenheit geraten ist. "Der weißblaue Himmel wölbt sich über dem Beschriebenen."
       Das jüngste Buch des Berner Autors Christoph Geiser "Schöne Bescherung" entzieht sich dem konventionellen Duktus der Romanliteratur. Der Wir-Erzähler befindet sich im Zwiegespräch mit seinen Kopfstimmen, die um Gesundheit, Sinnsuche, Gesellschaft und Einsamkeit kreisen. Es ist ein ungemein dynamischer und sprachgewandter Text: inspirierend.
       Märkte verengen nun den Blick, sie entfalten eine an den Konsumenten gerichtete Dynamik (Szeneliteratur) – eine Antidynamik: eine Rostmechanik, in welcher solch individuelle Stimmen eher zerrieben werden. Als im Jahr 2015 erstmals ein Lyrikband, Regentonnenvariationen von Jan Wagner, mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, ließ ein Mitglied der Jury in einem Radiointerview (DLF) verlauten, er habe gar nicht gewusst, dass er Lyrik überhaupt auszeichnen dürfe. So sehr ist man in Deutschland auf die Form des Romans geeicht. Auf dem Gipfel flaggt die Spiegel-Bestsellerliste. Insbesondere dort zieht viel mehr Literatur am Bewusstsein vorbei, als dass erschlossen wird. Ein solcher Massenmarkt ist natürlich in der Schweiz weniger möglich, was auch durch die sprachliche Fragmentierung innerhalb der Landesgrenzen begünstigt wird.
       In Teilen Deutschlands scheint es nun eine Tendenz zur Regionalliteratur zu geben. Das, was sich unter diesem Begriff vereint, beschränkt die Literatur auf ihre Geografie. Dabei spielt wirklich jeder Roman in einer Region und jedes Buch hat zwangsläufig einen Autor, der irgendwo geboren ist, was er oder sie sich ja nicht einmal selbst aussuchen kann. Der Begriff "regional", und ich komme gleich wieder auf einen Schweizbezug zurück, ist also für die Literatur vollkommen unerheblich. Er wird lediglich durch einen Markt erschlossen. (Das gilt übrigens auch für jede andere Szeneliteratur.) Solchen Buchmärkten ist gemein, dass deren Inhalte sich an einer Verwissenschaftlichung der Kunst orientieren, also "ein begründetes, für sich geordnetes und für sicher erachtetes Wissen" (Duden) kommunizieren. Der Käufer von Konsumliteratur weiß, was ihn in seinem Marktsegment erwartet. Der Markt braucht diese archetypischen Begehrlichkeiten, schürt sie. So wird dem Konsumenten ein Buchprodukt verkauft. Literatur wird dabei allerdings nicht vermittelt.
       Der schon erwähnte Schweizer Autor Walter Vogt hat nun eine interessante Definition für seinen Berufsstand formuliert. Vogt sieht den Schriftsteller als Teil einer "Bewusstseinsindustrie", die Dinge erschließt, welche "zwar noch nicht wissenschaftsfähig, aber bereits literaturfähig sind." Darin liegt ein Alleinstellungsmerkmal der Literatur als Kunst. Es sind also die individuellen Betrachtungs- und Umgangsweisen des Autors mit seinen Schreibmotiven, die dem Leser etwas vermitteln, was jenseits einer bekannten Denkart liegt. Wenn also Literatur geschrieben wird, dann werden die Motive der Betrachtung nicht in erster Linie zu einem historischen, nicht zu einem geografischen oder einem sozialen Gegenstand, sondern zu einem rein literarischen. Ich betone: Dies ist keine Absage an eine engagierte Literatur! Vielmehr ist es eine Fürsprache für die Literatur als Kunst. Und in eben diesem Gedanken liegt die Antwort auf die Frage nach literarischer Identität. Es ist die Fähigkeit eines Landes oder einer Region, solche individuellen Stimmen hervorzubringen, diese aber auch zu hören, sie wahrzunehmen und sich mit ihnen zu konfrontieren. Das ist es, was eine Gesellschaft als Ganzes auszeichnet.

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