DER  STORM  IM  WASSERGLAS (09.2015)
Eine Betrachtung über die Qualitäten von Literatur am Beispiel Theodor Storms.

Seit einigen Monaten ist der Roman 'Nordseegrab' von Tilman Spreckelsen auf dem Markt. Selbst für Krimifans spielt das Werk in der unteren Mittelklasse des Genres. Die Storm-Gesellschaft und die Stadt Husum haben nun dieses Buch mit einem Geldbetrag von sage und schreibe 8.200 Euro gefördert und es mit dem Storm-Preis 2014 bedacht. Es handelt sich hier um ein Werk, das allein aus den Mechanismen des Buchmarktes heraus realisierbar gewesen wäre. Einer Kulturförderung bedarf es schon aus diesem Grunde nicht. Die Vergabe des Storm-Preises 2014 ist eine Fehlleistung der Verantwortlichen. Gelder, die Kunst und Wissenschaft fördern sollen, sind über den bereits genannten Grund hinaus eben ausschließlich für Projekte zu verwenden, die tatsächlich neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Tage fördern oder künstlerisch derart eigenständig sind, dass sie als Impulsgeber fungieren. Das Streuen von biografischen und historischen Fragmenten in einen fiktiven Trivialroman ist weder eine herausragende künstlerische noch eine wissenschaftliche Leistung. Die Grundlage für die Kunst wie auch für die Wissenschaft ist eine Neugier, welche unsere Gefühle, Sinne und das Denken in ungewohnter Weise anregt und eigenständig zu verbinden sucht. Diese Neugier ist gleichfalls die Grundvoraussetzung für Menschen, die in der Kulturarbeit tätig sind. All das ist bei dieser Preisvergabe nicht gegeben, und zwar weder bei den Kuratoren noch beim Autor. – Machte man sich diesen Vorgang zum Prinzip, was käme da als nächstes? Ein Arztroman über Döblin?
       Im Detail sieht es so aus, dass der Kern der Literatur (und gerade eine solch gekonnte Literatur, wie Theodor Storm sie verfasst hat) nicht mit dem in Einklang steht, was Herr Spreckelsen da geschrieben und die Storm-Gesellschaft gefördert hat. 'Nordseegrab' ist ein Werk, das nicht im Sinne von Theodor Storms Schaffen, seinem Geist, steht. Storms Literatur ist die Beherrschung und das Ausfüllen der Form (Stichwort: Novelle). Gerade deshalb ist er ein so hervorragender Schriftsteller und Dichter, der in seiner Heimatstadt leider viel zu oft auf den plumpen Werbeträger reduziert wird. Ich hatte es mitunter bereits an anderer Stelle dezent erwähnt.
       Wer sich ernsthaft für Theodor Storm interessieren soll, der muss sich für Literatur interessieren; Da gibt es nichts dran zu rütteln. Alles andere führt nicht zu Theodor Storm hin, sondern von ihm weg. Die Gedanken aber, die der Husumer Förderentscheidung zugrunde liegen, kreisen um die Gewinnung eines möglichst breiten Publikums, das man buchstäblich um jeden Preis zu erreichen sucht. Gelingen wird das nicht; denn die Popularisierung, die im Trivialkrimi zweifellos an eine voyeuristische Ader des Lesers appelliert, ist immer stärker beziehungsweise lauter als der stille künstlerische oder wissenschaftliche Kern eines Werks.
       Was die Literatur betrifft, so kann dies aus Storm selbst heraus erklärt werden. In Storms Novelle 'Späte Rosen' beschreibt der Protagonist, wie er nach langer Zeit endlich wieder den Tristan von Meister Gottfried in die Hand genommen hat, um dann die ganze Nacht darin zu lesen. Am nächsten Morgen äußert er sich wie folgt. Storm schreibt: "In der stillen Morgenluft stiegen die Bilder der Dichtung wie Träume in mir auf. – Indessen war die Zeit vorgerückt; die Sonne schien warm auf die Gartensteige, die Blätter tropften, die Wohlgerüche der Blumen verbreiteten sich, und in den Lüften begann das feine Getön der Insektenwelt. Ich empfand die Fülle der Natur ..." Hier wird beschrieben, wie die Literatur respektive die Dichtung die Sinne öffnet. Storm macht sich das in derselben Weise zum Prinzip. Tatsächlich ist dieses Öffnen der Sinne eine zentrale Eigenschaft von wirklich guter Kunst. Es ist eine stille Literatur, die direkt in die Seele spielt. – Storms Novelle 'Carsten Curator', die aufgrund seiner abgründigen und vor allem tiefen Figurenzeichnungen vielleicht am ehesten jenen Kriminalgelüsten entsprechen mag, glänzt zudem durch existenzielle Beziehungen zwischen den Charakteren und letztlich durch eine Handlungsdichte, die allein aus diesen Spannungen heraus entsteht. Hier jagt kein Ermittler einen Mörder; hier jagt eine Zuspitzung die nächste. Das ist Literatur.
       Der Titel 'Nordseegrab' hingegen ist zugleich Allegorie für die Art des spreckelschen Schreibens, das den Leser buchstäblich in einem Meer aus unzähligen schattenhaften Figuren mit Banalität ersäuft und begräbt. Der Leser aber, der wirklich eine Annäherung an Storm sucht, ist besser beraten, sich tatsächlich einmal den Tristan zur Hand zu nehmen. Eine Schilderung in 'Späte Rosen', die dem erwähnten Zitat vorausgeht, empfiehlt sich hier gleichsam als Leseanweisung, um jener sinnlichen Anregung nachzuspüren, an welcher Storm so gelegen ist. Auf diese Art und Weise gelangt man zu einer jener Quellen, die Storm selbst die Sinne öffneten und ihn zu eigener Dichtung inspirierte. Nichts anderes ist für die Literatur wie auch für den Genuss derselben wesentlich.
       In diesem Sinne ist es beispielsweise dem hamburger Theater N. N. gelungen, ein Manuskript zu entwerfen, das Storms poetischer Wirkung mit den Mitteln des Theaters zu begegnen weiß. Das Stück mit dem Titel "Da muss was Lebiges hinein" ist ein mit Text gezeichnetes Porträt des Dichters, das sich ausschließlich aus Storms eigenen Worten zusammensetzt. Die Quellen sind Briefe, Novellen und Gedichte. Das Ganze ist so dicht und so gekonnt zusammengefügt, dass die Dialoge und Rezitationen wie natürlich scheinen. Storm begegnet hier den Figuren seiner Werke, aber auch seinen Frauen, seiner familiären Situation, der Politik und den ganz alltäglichen Sorgen. Bei aller Poesie ist das Bühnenstück auch um eine kritische Komponente nicht verlegen, zeigt es doch den Schriftsteller zwischen Dichtung und Wirklichkeit, und zwar mit all seinen Stärken und Schwächen.
       Ist aber dieses Stück mit seinen Aufführungsmöglichkeiten vom Kuratorium des Storm-Preises überhaupt geprüft worden? – Nein! Die mehrfache Einreichung des Manuskriptes durch das Theater im Storm-Haus ist auch nach Wochen noch mit den Worten kommentiert worden: "Wenn das Theater will, kann es sich ja bewerben." – Was soll man darauf noch sagen? Eine solches Verhalten jedenfalls, das immerhin eine öffentliche Ausschreibung zur Farce werden lässt, wird ja letztlich nicht einmal durch einen Beitrag entschuldigt, der eine Auszeichnung in Storms Namen wirklich verdient hätte. –
       Storm hat eigene Beobachtungen in seine Literatur einfließen lassen. Dies ist jene schöpferische Quelle, der die Lebendigkeit in seinem Werk geschuldet ist, was zum einen die Literaturwissenschaft bis heute mit Dechiffrierarbeit beschäftigt und zum anderen tausende Menschen dazu anregt, jene Stätten zu besuchen, die Storms Schreiben zugrunde liegen. Es ist ein Merkmal großer Dichtung und zeugt von einer Fantasie, die erst einmal nicht auf das Fantastische gerichtet ist, sondern auf die eigene Wahrnehmung und die künstlerische Verarbeitung derselben. Spreckelsen hingegen begreift alles aus der musealen Sekundärliteratur heraus. Auch aus diesem Grund ist 'das Nordseegrab' garantiert kein "Fortschreiben von Storms erzählerischen Welten", wie es in der Begründung der Jury heißt. Das begreift jeder sofort, der die Texte des einen wie des anderen in die Hand nimmt. Sogar die Passagen, die der Krimiautor aus der müllenhoffschen Sagensammlung einfach abgeschrieben hat, entfalten im Kontext seines Buches keine literarische Wirkung mehr. Seine Sprache ist insgesamt kalt und geisttötend, seine Fantasie ist ungebildet. Spreckelsens künstlerische Eigenleistung ist zudem dadurch geschmälert, dass eine ganze Gruppe aus dem Umfeld der Storm-Gesellschaft, der Stadt Husum und des Verlages ihre Interessen in diesen Buchbrei gerührt haben. Zitat Spreckelsen: "Viele haben mich beim Schreiben dieses Buches unterstützt, etwa indem sie das Manuskript [...] mit ihren Vorschlägen verbessert haben." (Das Ganze ist nachzulesen im Nachwort des Krimis). – Gefälligkeiten entstehen auf diese Weise, Literatur nicht.
       Die Klasse von Storms Schreiben zeichnet sich zudem dadurch aus, das der Leser Anteil am Schicksal der Figuren nimmt. In Storms Novelle 'Im Brauerhause' ist das besonders deutlich, haben wir es doch hier wie im Krimi mit der Aufklärung eines Falls zu tun; Doch die Perspektive auf denselben ist wesentlich weiter gefasst. Wir begaffen hier am Ende nicht den Neid, die Rachegelüste oder die Verleumdungen, sondern sind einzig von der Ungerechtigkeit bewegt, welche der Familie des Braumeisters widerfährt. Das ist Literatur. Ein solches Denken bewahrt uns unter anderem davor, den Mörder als reinen Mörder, den Irren als reinen Irren und selbst die Klientel der Opfer pauschal als solche zu betrachten. Und eben hieraus ergibt sich auch eine gesellschaftliche Verantwortung für den Betrieb einer Kulturinstitution, die sich anschickt, Kunst und Wissenschaft zu fördern. Ein Krimi wird diesem Anspruch nicht gerecht. In Storms Sinne kann es zudem nur um Werke und Autoren gehen, die seinen künstlerischen Verarbeitungsprozessen, seiner Beherrschung der Form, seiner Handlungsdichte, seiner Tiefe und seinem Umgang mit Sprache auf eigene Art zu entsprechen suchen. Das ist im Allgemeinen das Credo von Preisen, die im Namen eines angesehenen Literaten vergeben werden.
       Jeder Mensch, der sich für Storms Literatur interessiert, ist angehalten, sich direkt dem Werk des Dichters zuzuwenden. 'Carsten Curator', 'Späte Rosen' und 'Im Brauerhause' sind da ein wunderbarer Einstieg. Gute Erzählliteratur zeichnet sich dadurch aus, dass sie eben nicht für eine Klientel verfasst wird, sondern wirklich jeden Leser ohne Umschweife aus sich selbst heraus zu fesseln vermag. Das ist Theodor Storm.

J.-C. P. 09.2015

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